Ich komme gerade aus einer Theatervorstellung des Volkstheater zurück. Den Inhalt des Stückes habe ich euch kurz reinkopiert.
"Schweigen und sich verzehren ist die größte Strafe, die wir uns auferlegen können. Du glaubst, dass die Zeit heilt und die Wände nichts durchlassen, aber das stimmt nicht. Wenn etwas ins Herz dringt, kann es niemand herausreißen!" Eine lyrische Tragödie nannte Federico Garcia Lorca seine "Bluthochzeit". Eine Braut verschwindet fast unmittelbar nach der Trauung von ihrem Hochzeitsfest. Sie ist mit dem von ihr schon lange geliebten und mit einer ihrer Kusinen verheirateten Leonardo in den Wald geflohen. Als man ihr Verschwinden bemerkt nimmt der Bräutigam die Verfolgung auf. Jetzt soll die blutige Geschichte zwischen den beiden Familien ihr Ende finden; als Leonardo noch ein Kind war tötete seine Familie den Vater und den Bruder des Bräutigams. Im nächtlichen Wald warten Mond und Tod nur darauf, dass die Erde zwischen den Bäumen wieder mit warmem Blut getränkt wird … Am Morgen hat die Braut sowohl den Mann als auch den Geliebten verloren. So kehrt sie zurück zu Mutter des Bräutigams und wünscht sich nur noch den eigenen Tod.
Der Beginn der Vorstellung war 19 Uhr ohne Pause, Spieldauer ca 90 Minuten. Ja was soll ich sagen. Ich muß wohl zur Kenntnis nehmen, daß ich alt werde und an gewissen Dingen keine Freude mehr habe. Es gab 6 Stühle und die Schauspieler versuchten durch die Rythmusveränderungen der Füße und Klatschen der Hände (wir sind ja in Spanien) den Verlauf der Geschichte mitzuteilen. Also die Vorstellung war minimalistisch, der Tod der beiden Männer wurde durch sehr lautanschwellende Gitarren und Baßtöne dargestellt. Am Schluß gab es rote Schnitzel die vom Himmel fielen. Der Applaus war verhalten.
Es gibt ja immer mehr sehr "moderne" Vorstellungen. Wie gefällt euch das?
-------------------------------------------------------------------- Je intensiver wir leben, umso mehr strahlen wir Lebensfreude aus
Darauf muß ich klar und deutlich antworten:So etwas gefällt mir überhaupt nicht. Auch nicht, wenn sie z.B. eine Oper so verschandeln, daß Leute mit Aldi-Tüten auf der Bühne agieren oder ein Theaterstück nur mit Nackten. Das hat nichts mit altmodisch zu tun. Im Theater oder der Oper möchte ich mich entspannen, erfreuen und den Gedanken des Autors oder Komponisten folgen und nicht den ausgeflippten Ideen eines neuen Intendanten.
ich kann auch nichts anfangen mit allzu modernen Inszenierungen. Es wird ja auch bei Opern angewandt und das finde ich ganz schrecklich. Danke noch für eure Komplimente fürs Foto. Ich freu mich drüber.
********************************************************************** es gibt immer Lichter in der Nacht, auch wenn die Augen sie erfinden müssen. John Steinbeck
Ich schliesse mich Helga und Silbi voll und ganz an. Ich habe mal das Stück "Hoffmanns Erzählungen" mitten drin verlassen, weil auf der Bühne nur Obszönitäten stattfanden. Das war schlimm für die wunderschöne Musik.
@Ella, Ich hätte an Deiner Stelle die Vorstellung verlassen. Ich habe das schon öfter gemacht. Die Regisseure und Intendanten sollen merken, daoß das Publikum es sich gefallen läßt, wenn ihm Unverständliches vorgesetzt wird. Minimalistische Bühnenbilder habe ich auch schon erlebt, z.B. in Gelsenkirchen. Dort wurde meine Lieblingsoper, Tschaikowskis Eugen Onegin aufgeführt. Es gab nur ein einziges Bühnenbild: In einem kahlen Raum stand mittendrin ein Bett und sonst nichts. Dabei gibt es in der Oper sehr unterschiedliche Szenen, z.B. fröhliches Leben auf dem Lande, Duellszene in einer Waldlichtung, Ball im Palast des Fürsten Gremin - und überall steht das Bett herum. Genauso unsinning war es letztes Jahr, wo hier in Bayreut auf dem Grünen Hügel Wagners Tannhäuser (Der Sängerkrieg auf der Wartburg) aufgeführt wurde. Dieser Sängerkrieg fand statt in einer Biogasanlage! Nicht zu glauben. Einfach nicht zu glauben. In Essen im Theater habe ich erlebt, daß ein splitternackter Schauspieler durch die Sitzreihen des Publikums spazierte... Ich bin früher gern und häufig ins Theater gegangen. Heute mache ich das nur noch selten, weil ich mich nicht ärgern will und dafür noch Geld ausgeben soll. Nur noch Opern besuche ich, denn da kann ich die Augen schließen, wenn die Inszenierung gar zu dämlich ist und man die "Deutung" des Regisseurs nicht verstehen kann.
In die Münchner Kammerspiele gehe ich schon seit Jahren mehr,da es Aufführungen gibt, wie du sie beschrieben hast. Ich verstehe nicht, wie bei einem klassischen Schauspiel, wie der Prinz von Homburg, die Schauspieler in Motorradklamotten rumlaufen und sich dann ausziehen müssen, ich verstehe die Botschaft nicht. Gestern war keine Pause und ich wollte den anderen Besuchern gegenüber nicht unhöflich erscheinen; das Bühnenbild bestand aus 6 Stühlen, Eintrittskarte 28 Euro, stinknormaler Platz und die Münchner Theater sind alle subventioniert.
-------------------------------------------------------------------- Je intensiver wir leben, umso mehr strahlen wir Lebensfreude aus
Die schlimmste "Deutung" eines klassischen Theaterstücks habe ich im Theater in Essen erlebt. Es gab Lessings Nathan der Weise. Bekannterweise hat der Jude Nathan eine Pflegetochter namens Recha, die von einem jungen christlichen Ordensritter und Tempelherr aus einem brennenden Haus gerettet worden ist. Recha und der Tempelherr verlieben sich. Es kommt zwischen beiden jedoch gottlob(!) nicht zu Zärtlichkeiten oder gar zu einer Vereinigung, denn beide sind, wie nachträglich bekannt wird, Geschwister. Der Regisseur ließ, dessen ungeachtet, die beiden auf offener Bühne den Geschlechtsverkehr durchführen, also einen perfekten Inzest inszenieren, was den Inhalt des Stücks geradezu auf den Kopf stellt. Solche Regisseure, die sich offenbar durch groteske Inszenzierungen pressewirksam mit ihrer neuen "Deutung" einen Namen machen wollen, sollte man aus den Theatern jagen und vor allem die Bezahlung mit dem öffentlichen Mitteln sperren. Dieses Erlebnis hat mir das Vergnügen am Sprechtheater gründlich verleidet.